St.Galler Tagblatt und die Torball Schweizermeisterschaften vom 9. Mai 1998 in Herisau


Bericht vom 9. Mai 1998

Torball-SM in Herisau

(apz) Heute Samstag finden auf dem Ebnet in Herisau die Torball-Schweizer-Meisterschaften der Sehbehinderten statt. Torball ist die einzige Mannschaftssportart, die von Blinden und stark Sehbehinderten gespielt werden kann. Gespielt wird mit einem Klingelball. Durch sein Geräusch können ihn die Aktiven jeweils genau orten. Ein Spiel dauert zweimal fünf Minuten. Der vom TV Herisau organisierte Anlass beginnt um 10.00 Uhr. Unterbrochen wird der Spielbetrieb am Nachmittag durch eine Vorführung der Ostschweizerischen Blindenführhundeschule. Um 17 Uhr versuchen sich zudem zahlreiche bekannte Politikerinnen und Politiker aus der Region in einem Prominentenmatch in dieser Sportart. Das Rangverlesen und die Verleihung des Torball-Förderpreises 1998 finden um 18 Uhr statt. Für die Verpflegung der Zuschauer sorgt eine grosse Festwirtschaft.


Bericht vom 11. Mai 1998

Wenn die Ohren die Augen ersetzen

Premiere in Herisau: Torball-Schweizer-Meisterschaften der Sehbehinderten auf dem Ebnet

Den Schweizer Meistertitel im Torball holten sich bei den Damen Zollikofen und bei den Herren Black-Flash Bern. Organisiert wurden die Meisterschaften von den Damen der Volleyballgruppe des TV Hersiau.

Werner Grüninger

Die Durchführung der Schweizer Meisterschaft war für Herisau eine Herausforderung und zugleich Premiere. Torball ist ein attraktiver Sport für Sehbehinderte und Blinde, aber zugleich eine unterhaltsame und ungezwungene Begegnung mit Behindertensportlern. In den beiden Turnhallen im Ebnet herrschte jederzeit eine fröhliche Atmosphäre, und die Beteiligten boten spannende und unterhaltsame Begegnungen.

Mit Augenbinden

Torball ist die einzige Mannschaftssportart die von Blinden und stark Sehbehinderten gespielt werden kann. Die Spielerinnen und Spieler (deren drei bilden ein Team) sind ausschliesslich auf das Gehör angewiesen. Allen wird ein Augenpflaster aufgeklebt, und sie tragen eine lichtundurchlässige Augenbinde, damit die Chancengleichheit zwischen Spielern mit und ohne Sehrest gewährleistet ist. Torball wird mit einem Klingelball gespielt; nur durch das Geräusch können die Aktiven ihn jeweils genau orten. Die Schweizerische Torballvereinigung (STBV) führt alljährlich in vier Kategorien (Herren, Damen, Jugendliche bis und mit 14 Jahren sowie bis und mit 18 Jahren) alljährlich Schweizer Meisterschaft durch.

Spannung bei den Herren

Am letzten Samstag kämpften in den beiden Ebnet-Turnhallen in Herisau fünf Damen- und vier Herren-Teams um den Titel eines Schweizer Meisters. Bei den Herren kamen die Black-Flash Bern zum dritten Meistertitel. Die Berner konnten sich erst in der Finalrunde durchsetzen, nachdem sie nach der Zwischenrunde noch mit Amriswil punktgleich waren. Bei den Damen machten der letztjährige Meister Amriswil, Zollikofen und TC Baar den Meistertitel unter sich aus. Nach ausgeglichenen Spielen sicherte sich Zollikofen mit einem Punkt Vorsprung den Schweizer Meistertitel.

Vorführung mit Hunden

Eindrücklich war die Vorführung der Ostschweizerischen Blindenführhundeschule. Dabei besteht das Ziel, für blinde Menschen zuverlässige, möglichst schnell und individuell angepasste Blindenführhunde auszubilden. Durch die Ausbildung von verschiedenen Hunderassen wird versucht, den individuellen Ansprüchen und Wünschen der zukünftigen Führhundehalter zu entsprechen. Bewährt haben sich der Labrador, der Golden Retriever, der Deutsche Schäferhund und der Königspudel.

Prominente im Test

Bei einem Prominentenspiel, bei dem Gebi Bischof, Kurt Kägi, Hans Rudolf Merz, Marlis Rietmann und Jürg Wernli aus der Politik sowie Andy Krapf und Barbara Mettler aus Sportlerkreisen im Einsatz standen, konnten sich die Zuschauer und die Akteure selbst davon überzeugen, wie schwer Torball ist. Die Prominenz wie auch die Zuschauer waren von den Leistungen der Sehbehinderten beeindruckt.


Portrait von Andrea Schawalder in der Ausgabe vom 11. Mai 1998

Statt im Dschungel auf einer Alp?

Die 32jährige sehbehinderte Andrea Schawalder aus Grub über ihre Wünsche und Träume

Als Kind träumte Andrea Schawalder davon, einmal als Tierforscherin im afrikanischen Dschungel zu arbeiten. Heute ist die blinde Gruberin Physiotheraupeutin und Torball-Spielerin.

Doris Rickenbacher

Samstagmorgen um 10.00 Uhr. Die Schweizer Meisterschaften im Torball in Herisau sind bereits in vollem Gang: Es ist ganz ruhig in der Sporthalle Ebnet: Nur das Glöckchen am Ball ist zu hören, wenn er von den sechs Spielerinnen vom einen Ende des Spielfeldes ins andere geworfen wird. Alle anderen Geräusche in der Halle wären für die Akteurinnen irritierend. Sie können den Klingelball nur mit dem Gehör orten. Sehen können sie ihn nicht. Alle Spielerinnen haben verbundene Augen. «Aus Gründen der Chancengleichheit», wie Andrea Schawalder erklärt. Denn es gebe Teilnehmerinnen mit einem kleinen Sehrest. Die Gruberin gehört nicht zu ihnen. Seit einigen Jahren ist sie blind. Aufgrund einer erbbedingten Degeneration der Netzhaut hat sie im Verlaufe der Jahre ihr Augenlicht völlig verloren. «Als Kind und Jugendliche konnte ich noch mehr oder weniger gut sehen», erzählt die gebürtige Gruberin, die im Appenzellerland die Primarschule und in St.Gallen die Handelsmittelschule absolviert hat. Sie betrachte dies als grosses Privileg. «Denn im Gegensatz zu denjenigen Blinden, die von Geburt an ohne Augenlicht sind, habe ich beispielsweise eine Vorstellung von den Farben, von gewissen Umgebungen und Menschen.»

Mit treuem Begleiter

Sie habe sich langsam auf das Leben als Blinde vorbereiten können. Sie besuchte als dreizehnjährige eine Schule für Blindentechnik und suchte in der Freizeitden Kontakt zu anderen Sehbehinderten. «So kam ich auch zum Torball, dem einzigen Mannschaftssport für Sehbinderte.» Vom Torball-Team Zürich, dem sie während ihrem Studium als Physiotherapeutin angehörte, schaffte sie es alsbald in die Schweizer Nationalmannschaft. Zurzeit übt sie diesen Sport nur noch sehr sporadisch aus. Der Grund hierfür ist 22 kg schwer, über einen Meter gross, schwarz und heisst Shandor. Der Labrador, seines Zeichens ausgebildeter Blindenführhund, begleitet Andrea Schawalder seit fünf Jahren durch das Leben. Wegen ihm gab sie auch den Rücktritt aus der Torball-Nationalmannschaft. «Ich hätte ihn wegen den vielen Auslandreisen zu oft alleine lassen müssen. Zudem geht Shandor viel lieber mit mir wandern, als Torball spielen», meint sie lachend. Wenn es die Witterungsbedingungen zulassen, wandert sie jedes Wochenende mit ihrem Freund und Shandor am See oder in den Bergen. Sich in der Natur zu bewegen, sei für sie das Grösste. «Ich kann die Schönheiten der Natur zwar nicht mehr sehen, dafür aber umso intensiver fühlen, hören und riechen.»

Keine Bitterkeit

Von Bitternis wegen ihrer Behinderung ist bei Andrea Schawalder nichts zu spüren. Sie lacht sehr viel, auch nach den zwei Niederlagen bei den Torball-Schweizer-Meisterschaften. «Immerhin habe ich einige Tore erzielt», meint die 32jährige Gruberin, die in Herisau für den Behinderten-Sportclub Zürich spielt. Sie sei ganz zufrieden mit ihrem Leben und ihrer Situation. Wünsche hat sie nur wenige. «Im Strassenverkehr könnten noch einige Verbesserungen vorgenommen werden», sagt sie. «So wäre es wünschenswert, wenn die Autofahrer öfters anhalten würden, wenn sie einen Sehbehinderten am Strassenrand wartend sehen.» In anderen Ländern seien die Autofahrer diesbzüglich viel rücksichtsvoller. Länderspezifische Unterschiede hat sie auch hinsichtlich der Kontaktaufnahme der Leute zu blinden Menschen bemerkt. «In der Schweiz verhalten sich die Menschen gegenüber Blinden sehr oft völlig verkrampft.» In Kanada seien die Leute beispielsweise viel lockerer, was sie sehr schätze. «Blinde Menschen müssen nicht mit Samthandschuhen angefasst werden.»

Der Traum vom Reiten

Ihre Träume unterscheiden sich denn auch nicht von den sehenden Mitmenschen. Als Kind hätte sie stets davon geträumt, einmal Tierforscherin in Afrika zu sein. Heute seien ihre Träume etwas bescheidener. «Ich würde sehr gerne einmal einen Sommer lang auf einer Alp verbringen. Zudem würde ich liebend gerne richtig Reiten lernen», verrät sie und meint mit einem verschmitzten Lächeln, dass sich hierfür ja vielleicht via Zeitung ein Sponsor finden liesse.


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